
09.03.2011
Glasvegas im Magnet Club
Mit opulentem Emotionsrock und
entwaffnend direkten Songs hat die schottische Band Glasvegas die
allzu kühle Szene aufgemischt. Nun kommen sie mit Album Nummer
zwei.

Dass
ausgerechnet der Drummer von Travis behauptet haben soll, die Band
Glasvegas würde bereits nach einem Jahr wieder verschwunden sein,
nagt an James Allan. Ausgerechnet die Band, deren
Ehrencodex
mit Ehrlichkeit anfängt und mit Ehrlichkeit aufhört und der
sie sich besonders verbunden fühlen, hatte Zweifel. 2006, als die
vier Schotten die Debütsingle „Go Square Go“
veröffentlichten, hätte er vielleicht noch zugestimmt, auch
als mit Single Nr.2 "Daddy’s Gone" ein für Indiekreise
ohrenbetäubender Jubel
ausbrach, eingeweihte Journalisten gemeinsam mit Pop-Oberguru und
Oasis-Entdecker Alan McGee Gänsehaut bekamen und die Rettung des
Rock’n’Roll verkündeten, war James Allan immer noch
nicht sicher, ob sie gekommen waren, um zu bleiben. Dann aber kam der
heiß ersehnte
Plattenvertrag,
das Debütalbum stürmte die Charts, Geldsorgen waren getilgt,
Allan hatte ein Dach über dem Kopf, und für seine Songs fand
er endlich ein großes Publikum. Und was für Songs. "Ich
überlasse es nicht gerne dem Schicksal, ob ich meine Gefühle
kommuniziere oder nicht. Ich mag es nun mal, anderen Menschen
mitzuteilen, was sie für mich bedeuten." Nichtsdestotrotz verbirgt
der
Joe-Strummer-Lookalike
(und natürlich unbedingte Fan) beim Interview die Augen konsequent
hinter der Sonnenbrille, und sein gnadenloser, durch keine
verständnisvolle Höflichkeit abgefederter Akzent lässt
am Ende doch viele Fragen offen, auch wenn es an Sympathie und
Einverständnis grundsätzlich nicht mangelt.
Sein Sprachrohr sind nun mal die
schockierend direkten Songs,
und da gibt es kein Entrinnen, kein Drumherum: Du bist mein Held, sang
er in "Daddy’s Gone", vergiss Deinen Dad, er ist fort. He’s
gone, he’s gone, schallte es wie ein kollektiver Befreiungsschlag
im vieltausendfachen Chor durch die Tourneehallen der Welt. Und die
dicken Tränen sind noch lange nicht versiegt: You don’t need
me as much as I need you, heißt es nun in "The World Is Yours"
vom mit Spannung erwarteten zweiten Album. If I’m your world,
then the world is yours. Euphorie und Herzensbruch sind
tatsächlich die treibenden Energien auf „Euphoric ///
Heartbreak“, und der durchaus stadiontaugliche
Phil-Spector-Jesus-and-Mary-Chain-Breitwand-Bombast fällt noch
üppiger aus als beim Vorgänger, hier und da zudem
elektronisch aufgekesselt. Die
sympathische Ungeschliffenheit der ersten Stunde ist Geschichte. Produzent
Flood
(U2, Depeche Mode, The Killers) versteht genau darin sein
Geschäft, brachte aber laut Allan eher ein menschliches Element in
die Aufnahmesession ein: "Bei den Demos waren wir noch viel
elektronischer, Flood agierte eher als Gegenteil von dem, was man von
ihm kennt. Er gab uns den Glauben an uns zurück." In ihren
Anfangstagen hielt man Glasvegas noch für einen Scherz. In einer
Zeit, in der alle Bands unbedingt wie Arctic Monkeys klingen wollten,
mit unwiderstehlicher
Cool-as-Fuck-Attitüde,
konnte man die tagebuchehrlichen Texte von James Allan kaum glauben.
Manch einer war gar peinlich berührt von der zur Schau getragenen
Verletzlichkeit. Von Daddy, Mummy, Sister und Brother zu singen –
das geht doch gar nicht. Sich nahezu wehr- und machtlos als Opfer von
Messerattacken zu sehen, sich in eine Sozialarbeiterin namens Geraldine
zu verlieben und das Ganze mit einer kitschig-pompösen
Weihnachtsplatte zu krönen – verdammt gewagte Perspektiven
in einer Pop-Nation, in der Zugehörigkeit zu Styles über Wohl
und Weh entscheidet.

Und
so ist es kein Zufall, dass ihr Publikum vornehmlich männlich ist
und entweder ganz jung oder schon ergraut, also mit Pop als Lifestyle
aufgewachsen. Heute, fast fünf Jahre nach ihrer Gründung,
setzen Glasvegas sogar noch einen drauf und thematisieren nach
tiefenpsychologischer Selbstreflexion
nun die andere große Peinlichkeit, das andere große Tabu
des Jungseins: Homosexualität. Genau das wurde James Allan mit
seinem aufgeladenen Emotionspop ja flux unterstellt, denn wer so dick
aufträgt, der kann nur schwul sein. I feel wrong, heißt es
nun und Selbstmordgeschichten bestimmen das Bild. James Allan spannt
sogar seine eigene
Mutter als
Sprecherin ein, am Anfang des Albums noch geheimnisvoll auf
Französisch und am Ende dann, sollte bis dahin jemand noch immer
nicht geweint haben, hört man sie ergreifend im charmantesten
Schottisch über bedingungslose Liebe sprechen. Drummerin
Caroline McKay,
deren Begeisterung für Girlgroups und den Soul und R&B der
Sixties Glasvegas nicht unwesentlich zu ihrem Sound verhalf, hat die
Band nach endlosem Touren inzwischen verlassen, steht vielleicht wieder
in ihrem Vintage-Klamottenladen in Glasgow. Neu dazugekommen ist Jonna
Löfgren, gecastet mit dem Wunschprofil „schwedisch,
weiblich“. Die Band hat Glück gehabt mit ihr, die nach
Abschluss der Musikhochschule,
Schlagzeug als Fach, bisher lediglich in unbekannten schwedischen Bands
spielte. Sie sagen sogar, sie sei die weltbeste Drummerin,
„besser noch als der von U2“, womit klar sein dürfte,
was sie von ihr, was sie von der Zukunft überhaupt erwarten. Ihr
enormer Schlag ist jedenfalls unüberhörbar. Während
Gitarrist und Cousin
Rab Allan
im Herzen ein ehrlicher Rock’n’Roller ist, träumt
Frontmann James davon, die Band wie ein ganzes Orchester klingen zu
lassen. Live taucht er sie in dicken Nebel und denkt vielleicht an
jenen Moment, als er, der bis zum Alter von 17 Jahren Musik und
besonders Musikfans herzhaft hasste, Ian McCulloch von Echo and the
Bunnymen sah. Der beeindruckte ihn so sehr, dass er seine Einstellung
komplett revidierte. Und immerhin – die Bunnymen blieben ja eine
ganze Weile und haben durchaus Geschichte gemacht.
Text: Christine Heise
Foto: Tommy Ga-Ken Wan
Glasvegas |
Magnet Club, Do 10.3., 21 Uhr (ausverkauft)

Donnerstag, 10. März 2011
Wenn man die Drogen vergessen will
Nicht jeder Rockstar wird gleich
privat, aber James Allan geht forscher voran: "Forget your dad, he's
gone, forget your dad, he's gone", singt er. Der Vater interessiert
sich nicht für sein Kind, die Mutter muss es allein groß
ziehen, der Spross leidet. Es ist niemand da, der mit ihm spielt.
Natürlich ist es eine autobiografische Geschichte. Allan
erzählt im Song "Daddy's Gone" von seinem eigenen Vater. Bedenken,
sich öffentlich so privat zu geben, hat der Sänger nicht. Im
Pop-Königreich Großbritannien kam die herzergreifende
Ehrlichkeit gleich gut an. Dort waren Allan und seine Band Glasvegas
vor drei Jahren Newcomer des Jahres. Ihr Album erreichte nur deshalb
nicht die Spitze der Charts, weil Metallica zeitgleich ein Comeback
feierten.
Mix aus Glasgow und Las Vegas
Wer Glasvegas, die heute im Berliner Magnet auftreten, verstehen will,
sollte Allan gut zuhören. Aber eigentlich verrät schon der
plakative Name viel über die Band. In ihm steckt Glasgow, die
Heimatstadt des Quartetts. Genauer gesagt, ist es der triste, mit
Hochhausblöcken übersäte Osten der Stadt, in dem das
Leben so hart ist, wie man es aus "Trainspotting" kennt. Drogen,
Gewalt, Kriminalität und ein Dasein ohne Perspektiven gehören
dort zur Normalität. In ihm steckt aber auch Las Vegas, das genaue
Gegenteil. Ein glitzerndes Unterhaltungsmekka, in dem man das wahre
Leben vergisst und in dem Elvis Presley, ein absoluter Heros der Band,
große Auftritte hatte. Glasvegas verstehen sich als Schnittmenge
aus beidem.
Am Aufstieg der Schotten hatte ein Landsmann seinen Anteil, der schon
öfter als Förderer in Erscheinung getreten ist. Alan McGee
hatte vorher Oasis und Primal Scream als Manager und Plattenboss
unterstützt. Als die Band noch niemand kannte, ließ er sie
auf seinen Veranstaltungen in London auftreten. McGee war es zu
verdanken, dass die Band schon in ausverkauften Clubs spielte, bevor
sie bei einer Plattenfirma unter Vertrag war. Die Band war dann
ständig unterwegs, wurde überall gefeiert, egal ob auf
Festivals oder im Vorprogramm von U2. Doch irgendwann konnten sich
Glasvegas nur noch mit illegalen Hilfsmitteln unter Spannung halten,
wie sich Allan erinnert. "Es war immer dasselbe. Ich und mein Cousin
Rab, der Gitarre spielt, hingen in einer Stadt wie Berlin herum und
klammerten uns nur an dieses eine Thema. Wir nahmen jeden Tag Kokain,
aber es zeigte bei uns überhaupt keine Wirkung. Keine Spur von
Abhängigkeit. Dachten wir. Doch im selben Atemzug kreisten die
Gedanken immer um folgende Fragen: Ist das Zeug schon da? Guckt gerade
jemand?" Irgendwann hatte Allan genug davon, im September 2009 war er
mehrere Tage verschwunden. Zum Glück tauchte er in New York wieder
auf. Dafür stieg danach ein anderes Mitglied aus. Schlagzeugerin
Caroline McKay hatte genug von der Männerwirtschaft und vom
auslaugenden Leben.
Eine Hymne auf der Mutter
McKays Job übernimmt jetzt die Schwedin Jonna Löfgren. Glaubt
man Allan, soll sie nicht die Erfahrungen ihrer Vorgängerin
machen. "Wir leben nicht mehr in den Siebzigern. Damals nahmen alle
Koks, es war die Droge der Zeit. Jetzt sollte man seine Zeit nicht
damit verschwenden, ständig irgendwelches Zeug zu nehmen, das dir
sowieso nicht hilft. Wir müssen langsam mal dazulernen." Einen
guten Anlass, das zu überprüfen, gibt es jetzt. Anfang April
erscheint das neue Glasvegas-Album "Euphoric Heartbreak". Damit
verfolgt Allan nur ein Ziel: "Man muss im Leben Großes wollen und
etwas versuchen. Entweder man triumphiert oder man scheitert. Beides
ist besser als irgendein Mittelding. Das wäre bloß
Mittelmäßigkeit, an der habe ich kein Interesse."
Durchschnittlich ist "Euphoric Heartbreak" nicht. Der Sound türmt
sich monumental auf und lässt selbst das spartanisch aussehen, was
man von Phil Spector, The Jesus & Mary Chain und The Killers kennt.
Die Songs sind aber so dicht aneinander gereiht, dass alles wie eine
Rock-Oper erscheint. Die Songs tragen Titel, die Bände sprechen:
"Pain, Pain, Never Again" oder "Euphoria, Take My Hand". Beim finalen
Stück "Change" wird es wieder persönlich. Allan hat seine
Mutter gebeten, einen Text aufzusagen, in dem es um eine Frau geht, die
ihren Sohn am Tag der Entlassung aus dem Gefängnis abholt.
"Change" ist das Gegenteil von "Daddy's Gone". Eine Hymne auf die Frau,
die immer da ist und jede Sünde verzeiht. Donnerstag zum Beispiel,
doch das Konzert ist bereits ausverkauft. Aber die nächste
größere Glasvegas-Show kommt bestimmt.
[Michael Hufnagel]