KARRERA KLUB präsentiert

GLASVEGAS Indie . Rock . Sco


Am 1.4. erscheint die neue zweite Platte von Glasvegas. Das schottische Quartett hatte 2008 einen Wahnsinns-Aufstieg mit ihrem ersten Album und durfte sogar U2 auf deren Tour supporten...
"Sie sehen aus wie halbstarke Arbeiterkids und klingen wie eine Mischung aus Oasis und den Swinging Sixties - Glasvegas gelten als der neue Sound-Hype der Insel. Zu Recht: Denn rauer und melancholischer klang Pop schon lange nicht mehr." schrieb der Spiegel zum Debut-Album. Wir warten gespannt auf den neuen Silberling...

Donnerstag 10.03.2011
Konzertfloor : Doors: 20:00h | Show: 21:00h




09.03.2011

Glasvegas im Magnet Club 

Mit opulentem Emotionsrock und entwaffnend direkten Songs hat die schottische Band ­Glasvegas die allzu kühle Szene aufgemischt. Nun kommen sie mit Album Nummer zwei.

Dass ausgerechnet der Drummer von Travis behauptet haben soll, die Band Glasvegas würde bereits nach einem Jahr wieder verschwunden sein, nagt an James Allan. Ausgerechnet die Band, deren Ehrencodex mit Ehrlichkeit anfängt und mit Ehrlichkeit aufhört und der sie sich besonders verbunden fühlen, hatte Zweifel. 2006, als die vier Schotten die Debütsingle „Go Square Go“ veröffentlichten, hätte er vielleicht noch zugestimmt, auch als mit Single Nr.2 "Daddy’s Gone" ein für Indiekreise ohrenbetäubender Jubel ausbrach, eingeweihte Journalisten gemeinsam mit Pop-Oberguru und Oasis-Entdecker Alan McGee Gänsehaut bekamen und die Rettung des Rock’n’Roll verkündeten, war James Allan immer noch nicht sicher, ob sie gekommen waren, um zu bleiben. Dann aber kam der heiß ersehnte Plattenvertrag, das Debütalbum stürmte die Charts, Geldsorgen waren getilgt, Allan hatte ein Dach über dem Kopf, und für seine Songs fand er endlich ein großes Publikum. Und was für Songs. "Ich überlasse es nicht gerne dem Schicksal, ob ich meine Gefühle kommuniziere oder nicht. Ich mag es nun mal, anderen Menschen mitzuteilen, was sie für mich bedeuten." Nichtsdestotrotz verbirgt der Joe-Strummer-Lookalike (und natürlich unbedingte Fan) beim Interview die Augen konsequent hinter der Sonnenbrille, und sein gnadenloser, durch keine verständnisvolle Höflichkeit abgefederter Akzent lässt am Ende doch viele Fragen offen, auch wenn es an Sympathie und Einverständnis grundsätzlich nicht mangelt.

Sein Sprachrohr sind nun mal die schockierend direkten Songs, und da gibt es kein Entrinnen, kein Drumherum: Du bist mein Held, sang er in "Daddy’s Gone", vergiss Deinen Dad, er ist fort. He’s gone, he’s gone, schallte es wie ein kollektiver Befreiungsschlag im vieltausendfachen Chor durch die Tourneehallen der Welt. Und die dicken Tränen sind noch lange nicht versiegt: You don’t need me as much as I need you, heißt es nun in "The World Is Yours" vom mit Spannung erwarteten zweiten Album. If I’m your world, then the world is yours. Euphorie und Herzensbruch sind tatsächlich die treibenden Energien auf „Euphoric /// Heartbreak“, und der durchaus stadiontaugliche Phil-Spector-Jesus-and-Mary-Chain-Breitwand-Bombast fällt noch üppiger aus als beim Vorgänger, hier und da zudem elektronisch aufgekesselt. Die sympathische Ungeschliffenheit der ersten Stunde ist Geschichte. Produzent Flood (U2, Depeche Mode, The Killers) versteht genau darin sein Geschäft, brachte aber laut Allan eher ein menschliches Element in die Aufnahmesession ein: "Bei den Demos waren wir noch viel elektronischer, Flood agierte eher als Gegenteil von dem, was man von ihm kennt. Er gab uns den Glauben an uns zurück." In ihren Anfangstagen hielt man Glasvegas noch für einen Scherz. In einer Zeit, in der alle Bands unbedingt wie Arctic Monkeys klingen wollten, mit unwiderstehlicher Cool-as-Fuck-Attitüde, konnte man die tagebuchehrlichen Texte von James Allan kaum glauben. Manch einer war gar peinlich berührt von der zur Schau getragenen Verletzlichkeit. Von Daddy, Mummy, Sister und Brother zu singen – das geht doch gar nicht. Sich nahezu wehr- und machtlos als Opfer von Messerattacken zu sehen, sich in eine Sozialarbeiterin namens Geraldine zu verlieben und das Ganze mit einer kitschig-pompösen Weihnachtsplatte zu krönen – verdammt gewagte Perspektiven in einer Pop-Nation, in der Zugehörigkeit zu Styles über Wohl und Weh entscheidet.

Und so ist es kein Zufall, dass ihr Publikum vornehmlich männlich ist und entweder ganz jung oder schon ergraut, also mit Pop als Lifestyle aufgewachsen. Heute, fast fünf Jahre nach ihrer Gründung, setzen Glasvegas sogar noch einen drauf und thematisieren nach tiefenpsychologischer Selbstreflexion nun die andere große Peinlichkeit, das andere große Tabu des Jungseins: Homosexualität. Genau das wurde James Allan mit seinem aufgeladenen Emotionspop ja flux unterstellt, denn wer so dick aufträgt, der kann nur schwul sein. I feel wrong, heißt es nun und Selbstmordgeschichten bestimmen das Bild. James Allan spannt sogar seine eigene Mutter als Sprecherin ein, am Anfang des Albums noch geheimnisvoll auf Französisch und am Ende dann, sollte bis dahin jemand noch immer nicht geweint haben, hört man sie ergreifend im charmantesten Schottisch über bedingungslose Liebe sprechen. Drummerin Caroline McKay, deren Begeisterung für Girlgroups und den Soul und R&B der Sixties Glasvegas nicht unwesentlich zu ihrem Sound verhalf, hat die Band nach endlosem Touren inzwischen verlassen, steht vielleicht wieder in ihrem Vintage-Klamottenladen in Glasgow. Neu dazugekommen ist Jonna Löfgren, gecastet mit dem Wunschprofil „schwedisch, weiblich“. Die Band hat Glück gehabt mit ihr, die nach Abschluss der Musikhochschule, Schlagzeug als Fach, bisher lediglich in unbekannten schwedischen Bands spielte. Sie sagen sogar, sie sei die weltbeste Drummerin, „besser noch als der von U2“, womit klar sein dürfte, was sie von ihr, was sie von der Zukunft überhaupt erwarten. Ihr enormer Schlag ist jedenfalls unüberhörbar. Während Gitarrist und Cousin Rab Allan im Herzen ein ehrlicher Rock’n’Roller ist, träumt Frontmann James davon, die Band wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen. Live taucht er sie in dicken Nebel und denkt vielleicht an jenen Moment, als er, der bis zum Alter von 17 Jahren Musik und besonders Musikfans herzhaft hasste, Ian McCulloch von Echo and the Bunnymen sah. Der beeindruckte ihn so sehr, dass er seine Einstellung komplett revidierte. Und immerhin – die Bunnymen blieben ja eine ganze Weile und haben durchaus Geschichte gemacht.

Text: Christine Heise
Foto: Tommy Ga-Ken Wan

Glasvegas | Magnet Club, Do 10.3., 21 Uhr (ausverkauft)
 



Donnerstag, 10. März 2011

Wenn man die Drogen vergessen will

Nicht jeder Rockstar wird gleich privat, aber James Allan geht forscher voran: "Forget your dad, he's gone, forget your dad, he's gone", singt er. Der Vater interessiert sich nicht für sein Kind, die Mutter muss es allein groß ziehen, der Spross leidet. Es ist niemand da, der mit ihm spielt.

Natürlich ist es eine autobiografische Geschichte. Allan erzählt im Song "Daddy's Gone" von seinem eigenen Vater. Bedenken, sich öffentlich so privat zu geben, hat der Sänger nicht. Im Pop-Königreich Großbritannien kam die herzergreifende Ehrlichkeit gleich gut an. Dort waren Allan und seine Band Glasvegas vor drei Jahren Newcomer des Jahres. Ihr Album erreichte nur deshalb nicht die Spitze der Charts, weil Metallica zeitgleich ein Comeback feierten.

Mix aus Glasgow und Las Vegas

Wer Glasvegas, die heute im Berliner Magnet auftreten, verstehen will, sollte Allan gut zuhören. Aber eigentlich verrät schon der plakative Name viel über die Band. In ihm steckt Glasgow, die Heimatstadt des Quartetts. Genauer gesagt, ist es der triste, mit Hochhausblöcken übersäte Osten der Stadt, in dem das Leben so hart ist, wie man es aus "Trainspotting" kennt. Drogen, Gewalt, Kriminalität und ein Dasein ohne Perspektiven gehören dort zur Normalität. In ihm steckt aber auch Las Vegas, das genaue Gegenteil. Ein glitzerndes Unterhaltungsmekka, in dem man das wahre Leben vergisst und in dem Elvis Presley, ein absoluter Heros der Band, große Auftritte hatte. Glasvegas verstehen sich als Schnittmenge aus beidem.

Am Aufstieg der Schotten hatte ein Landsmann seinen Anteil, der schon öfter als Förderer in Erscheinung getreten ist. Alan McGee hatte vorher Oasis und Primal Scream als Manager und Plattenboss unterstützt. Als die Band noch niemand kannte, ließ er sie auf seinen Veranstaltungen in London auftreten. McGee war es zu verdanken, dass die Band schon in ausverkauften Clubs spielte, bevor sie bei einer Plattenfirma unter Vertrag war. Die Band war dann ständig unterwegs, wurde überall gefeiert, egal ob auf Festivals oder im Vorprogramm von U2. Doch irgendwann konnten sich Glasvegas nur noch mit illegalen Hilfsmitteln unter Spannung halten, wie sich Allan erinnert. "Es war immer dasselbe. Ich und mein Cousin Rab, der Gitarre spielt, hingen in einer Stadt wie Berlin herum und klammerten uns nur an dieses eine Thema. Wir nahmen jeden Tag Kokain, aber es zeigte bei uns überhaupt keine Wirkung. Keine Spur von Abhängigkeit. Dachten wir. Doch im selben Atemzug kreisten die Gedanken immer um folgende Fragen: Ist das Zeug schon da? Guckt gerade jemand?" Irgendwann hatte Allan genug davon, im September 2009 war er mehrere Tage verschwunden. Zum Glück tauchte er in New York wieder auf. Dafür stieg danach ein anderes Mitglied aus. Schlagzeugerin Caroline McKay hatte genug von der Männerwirtschaft und vom auslaugenden Leben.

Eine Hymne auf der Mutter

McKays Job übernimmt jetzt die Schwedin Jonna Löfgren. Glaubt man Allan, soll sie nicht die Erfahrungen ihrer Vorgängerin machen. "Wir leben nicht mehr in den Siebzigern. Damals nahmen alle Koks, es war die Droge der Zeit. Jetzt sollte man seine Zeit nicht damit verschwenden, ständig irgendwelches Zeug zu nehmen, das dir sowieso nicht hilft. Wir müssen langsam mal dazulernen." Einen guten Anlass, das zu überprüfen, gibt es jetzt. Anfang April erscheint das neue Glasvegas-Album "Euphoric Heartbreak". Damit verfolgt Allan nur ein Ziel: "Man muss im Leben Großes wollen und etwas versuchen. Entweder man triumphiert oder man scheitert. Beides ist besser als irgendein Mittelding. Das wäre bloß Mittelmäßigkeit, an der habe ich kein Interesse."

Durchschnittlich ist "Euphoric Heartbreak" nicht. Der Sound türmt sich monumental auf und lässt selbst das spartanisch aussehen, was man von Phil Spector, The Jesus & Mary Chain und The Killers kennt. Die Songs sind aber so dicht aneinander gereiht, dass alles wie eine Rock-Oper erscheint. Die Songs tragen Titel, die Bände sprechen: "Pain, Pain, Never Again" oder "Euphoria, Take My Hand". Beim finalen Stück "Change" wird es wieder persönlich. Allan hat seine Mutter gebeten, einen Text aufzusagen, in dem es um eine Frau geht, die ihren Sohn am Tag der Entlassung aus dem Gefängnis abholt. "Change" ist das Gegenteil von "Daddy's Gone". Eine Hymne auf die Frau, die immer da ist und jede Sünde verzeiht. Donnerstag zum Beispiel, doch das Konzert ist bereits ausverkauft. Aber die nächste größere Glasvegas-Show kommt bestimmt.
[Michael Hufnagel]